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Krank durch Zahnen?
vom 12.03.2010
Der erste Zahn! Kaum etwas ruft so viel Jubel und Staunen bei Eltern und Großeltern hervor wie die kleinen weißen Zacken, die sich eines Tages durch den Unterkiefer schieben. Das Baby ist dann meist zwischen sechs und acht Monate alt, manchmal schon ein Jahr. In die Freude mischen sich aber oft auch Sorge und Unsicherheit: Das Kind ist – gerade vor dem Zahndurchbruch - unruhig, weint, es hat Fieber oder Durchfall, die Zahnleiste ist gerötet und geschwollen. Der Glaube, dass das Zahnen Kinder wirklich krank macht, hält sich seit Jahrhunderten hartnäckig. Oft jedoch deutet man diese Zeichen falsch und es handelt sich in Wirklichkeit um die Symptome erster Virusinfekte. Wahr ist nämlich, dass Kinder bis zum dritten Lebensjahr, also in der Zeit des Zahnens, in der Regel etwa zehn Infekte im Jahr durchmachen. Da ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der eine oder andere auch mal mit dem Durchbruch eines neuen Zahns zusammenfällt. Im Zweifel und vor allem wenn das Kind über 24 Stunden fiebert, unleidlich ist, sollte der Arzt aufgesucht werden. Nicht selten verbirgt sich hinter den vermeintlichen Zahnungsbeschwerden eine Angina, eine Mittelohrentzündung, selten sogar eine bedrohliche Nierenbeckenentzündung.
Die „Bernsteinlegende“
Der populäre Rat, mit einer Kette aus Bernstein das Zahnen zu erleichtern, ist wissenschaftlich unhaltbar, überflüssig und sogar gefährlich: Die Ketten können das Kind beim Spielen und auch Schlafen verletzen und sogar strangulieren, wenn sie sich irgendwo verhaken. Solche Fälle sind passiert und dokumentiert! Die Hersteller „argumentieren“ dann mitunter, dass diese Ketten eine Sollbruchstelle haben. Selbst wenn diese sicher funktionieren würde, bestünde aber weitere Gefahr. Reißt die Kette nämlich, kann das Kind Steine in den Mund bekommen und „verschlucken“, d. h. in die Lunge einatmen - oder es steckt sie in Nase und Ohren.
Passend dazu: eine Publikation von 233 Strangulationsfällen in 119 Notfallstationen in den USA hat die Sicherheitskommission der Vereinigten Staaten dazu veranlasst, den Verkauf von an Halsketten befestigten Schnullern zu verbieten. Diese Empfehlung wurde ebenfalls in Europa übernommen, gilt jedoch unverständlicher Weise nicht für Bernsteinketten. Auch aus Frankreich wird aus dem Hospital Necker-Enfants Malades in Paris berichtet, dass in Frankreich jährlich 30 Strangulations-unfälle durch in der Nähe des Bettchens befindliche Vorhangkordeln, Bernsteinhalsketten und andere Halsketten erfasst werden.
Es gibt derzeit keinen objektiven oder wissenschaftlichen Beweis für eine lindernde Wirkung von Bernstein auf das Zahnen. Dass die Unmengen von „Bernstein“, die in Form von Zahnungsketten in den Handel kommen, echt sind, muss obendrein bezweifelt werden.
Es wird daher dringend empfohlen, diese Ketten entweder zu vermeiden oder sich unbedingt zu vergewissern, dass die Halskette beim geringsten Zug reißen kann. Dann muss natürlich auch darauf geachtet werden, dass die Perlen beim Zerreißen der Halskette sich nicht von dieser lösen können. Im Schlaf muss die Kette abgenommen werden. Im Kinderkrippen- oder Kindergartenalter, wenn Kinder (weg)laufen können, reichen wenige Minuten ohne Beaufsichtigung für einen tödlichen Strangulationsunfall.
Das muss deshalb betont werden, weil solche Ketten gerne auch noch nach dem Zahnungsalter als Schmuckstück verwendet werden.
Wer trotz der geschilderten Gefahren nicht anders kann und Bernstein partout verwenden will, kann eine einzelne echte Bernsteinperle an einer kurzen Kette an der Kleidung des Kindes befestigen, wie dies auch für Schnuller üblich ist. Auch hier gilt wiederum: keinesfalls darf sich davon ein Kleinteil ablösen können.
Was beim Zahnen wirklich hilft
- Kleine Halstücher halten den reichlich fließenden Speichel von der Kleidung fern. Mit der griffbereiten Windel wird häufig trocken getupft.
- Zahnende Kinder beißen gerne auf harten Gegenständen herum. Damit unterstützen sie instinktiv den Durchbruch der Zähne und massieren das gereizte Zahnfleisch. Ein leichter, gut zu greifender Beißring hilft dabei. Beißringe mit dem Weichmacher Phthalat sind in der EU inzwischen verboten. Sicherheitshalber sollten Eltern jedoch auf den Vermerk „ohne Weichmacher“, „ohne Phthalat“ oder „PVC-frei“ achten oder gleich Modelle aus Polyethylen (PE) oder Polypropylen (PP) kaufen.
Mit Flüssigkeit gefüllte Ringe nur im Kühlschrank kühlen. Im Eisfach werden sie zu kalt und können die zarte Mundschleimhaut des Babys verletzen.
- Veilchenwurzeln gelten als natürliche Alternative zu Beißringen. Es gibt sie in Apotheken. Besser und billiger ist jedoch eine harte Brotrinde oder eine Karotte, aber nur, wenn das Kind das Kauen von Beikost schon gewohnt ist und immer unter Aufsicht, da sich das Kind an abgebissenen Stücken verschlucken könnte.
- Die meisten Babys mögen es auch, wenn man ihre Zahnleiste (natürlich mit sauberem Finger) sanft massiert.
- Zahnungsgels sind teurer Unsinn! Mittel wie Dentinox® oder Kamistad® enthalten Kamillenextrakte und Lidocain als Lokalanästhetikum, wirken nur mäßig und vor allem kurz, bergen aber das Risiko der Allergisierung. Wer Pech hat, bekommt 20 Jahre später durch eine Betäubungsspritze beim Zahnarzt oder Chirurgen einen anaphylaktischen Schock!
- Wenn bei einem wirklich krank wirkenden und scheinbar am Zahnen leidenden Kind die medizinische Abklärung keine andere Ursache aufdeckt, kann fallweise Ibuprofen oder Paracetamol, z. B. in Form von Zäpfchen, eingesetzt werden.
Beißen statt saugen?
Die ersten Zähne bedeuten nicht, dass das Kind nun abgestillt werden muss. Während des Trinkens kann das Baby nicht in die Brust beißen. Allerdings kann es gegen Ende der Stillmahlzeit seine Zähnchen ausprobieren und empfindlich zwicken. Im Übrigen sind die Zähnchen ein Hinweis der Natur darauf, dass das Kind nun bald festere Nahrung zu sich nehmen kann.

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