Kuhstall, Rohmilch, Impfungen - was schützt vor Allergieentwicklung?
vom 10.10.2009

Fast 17% der Kinder- und Jugendlichen haben eine allergische Erkrankung. Sie leiden an Heuschnupfen (knapp 9%), Asthma (rund 3%) oder Neurodermitis (gut 7%). Das geht aus Zahlen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) hervor, auf den sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln und das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin beziehen.
Kinder aus Familien mit mindestens einem allergischen Elternteil oder Geschwister (= Risikokinder) sind deutlich häufiger von Allergien betroffen als andere. Auch der Sozialstatus spielt eine Rolle: Kinder aus Familien mit hohem sozialen Status leiden öfter unter Heuschnupfen als Gleichaltrige aus Familien mit niedrigem Sozialstatus.

Allergische Erkrankungen haben auch in den letzten Jahren in den westlichen Industrienationen weiter zugenommen. Die Ursachen für die Entwicklung und Zunahme sind nach wie vor weitgehend ungeklärt. Da die Therapieansätze, die an den Ursachen ansetzen, beschränkt sind, kommt der Vorbeugung (Prävention) der Allergieentwicklung besondere Bedeutung zu. Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit und soziale Sicherung wurde im Rahmen des Aktionsbündnisses Allergieprävention (abap) im Jahr 2004 die erste S3-Leitlinie zur Allergieprävention veröffentlicht. Diese Empfehlungen wurden nun, 2009, der Methodik für evidenzbasierte und konsentierte Leitlinien folgend, überarbeitet. Die einzelnen Empfehlungen wurden von der Konsensusgruppe mit Empfehlungsklassen A, B und C verabschiedet, die in Klammern an die jeweilige Empfehlung angefügt sind (s. a. Oxford Centre for Evidence based Medicine). Klasse A bedeutet etwa, dass wissenschaftlich hochwertige Studien zu Ergebnissen kommen, die einem Beweis nahe kommen, Klasse B entspricht starken Belegen oder Indizien (Ergebnisse aus wissenschaftlich weniger aussagekräftigen Studien). Themenbereiche, zu denen sich keine Präventionsempfehlungen ableiten ließen, erhielten lediglich Evidenzgrade (1a-c, 2a-c, 3a-b, 4). Die Empfehlungen gelten für Risiko- und Nicht-Risiko-Kinder.

Zum Thema Ernährung unterstützt die Konsensusgruppe einstimmig die Empfehlungen der Fachgesellschaften und Organisationen (www.fke-do.de, www.dge.de) bezüglich einer ausgewogenen und nährstoffdeckenden Ernährung von Säuglingen, Kleinkindern, Schwangeren und Stillenden.

Stillen
Die vorliegenden Daten unterstützen überwiegend die Empfehlung zum ausschließlichen Stillen über vier Monate (A).

Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft und Stillzeit
Eine ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit wird empfohlen. Für eine Empfehlung zu diätetischen Beschränkungen (Meidung potenter Nahrungsmittelallergene wie Kuhmilch, Hühnereiweiß, Erdnuss, Soja, Fisch) gibt es keine Belege (A).
Es gibt Hinweise darauf, dass Fisch (Meeresfische) in der Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft und/oder Stillzeit einen schützenden Effekt auf die Entwicklung allergischer Erkrankungen beim Kind hat (B).

Muttermilchersatznahrung bei Risikokindern
Wenn Stillen nicht oder nicht ausreichend möglich ist, ist die Gabe von partiell oder extensiv hydrolysierter Säuglingsnahrung (gekennzeichnet mit "HA" oder "hypoallergen") bei Risikokindern bis zum vollendeten 4. Lebens- monat zu empfehlen (A).
Soja-basierte Säuglingsnahrungen sind zum Zwecke der Allergieprävention nicht zu empfehlen (A).
Unabhängig davon wird die Indikation für Säuglingsanfangs- nahrungen auf Sojabasis von ernährungswissenschaftlichen Gesellschaften wegen Gesundheitsbedenken sehr eng gestellt. Es gibt derzeit keine Belege für eine allergiepräventive Wirkung anderer Tiermilchen, wie Ziegen-, Schafs- oder Stutenmilch .

Beikost und Ernährung des Kindes im ersten Lebensjahr
Für einen Effekt einer Verzögerung der Beikosteinführung über den vollendeten 4. Lebensmonat hinaus gibt es keine gesicherten Belege. Sie kann deshalb nicht empfohlen werden (A).
Für einen präventiven Effekt einer Meidung potenter Nahrungsmittelallergene wie Kuhmilch, Hühnereiweiß, Erdnuss, Soja, Fisch im ersten Lebensjahr gibt es keine Belege. Sie kann deshalb nicht empfohlen werden (B).
Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Meeresfischkonsum des Kindes im ersten Lebensjahr einen protektiven Effekt auf die Entwicklung allergischer Erkrankungen hat (B).
Die zurzeit in Deutschland existierende Empfehlung, Beikost nicht vor dem vollendeten 4. Lebensmonat einzuführen, ist aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sinnvoll.

Ernährung nach dem ersten Lebensjahr
Eine allgemeine Diät zur Allergieprävention kann nicht empfohlen werden (A).

Haustierhaltung
Für Personen ohne erhöhtes Allergierisiko besteht kein Grund, die Haustierhaltung aus Präventionsgründen einzuschränken. Die Auswirkungen der Haustierhaltung auf die Allergieentwicklung bei Risikokindern sind derzeit nicht eindeutig abzuschätzen. Die Anschaffung von Felltieren als Präventionsmaßnahme ist nicht zu empfehlen.
Bei der Katzenhaltung überwiegen die Studien, die in der Haltung einen Risikofaktor sehen. Deshalb sollte bei Risikokindern die Katzenhaltung vermieden werden. Hundehaltung ist wahrscheinlich nicht mit einem höheren Allergierisiko verbunden (B).

Hausstaubmilben
Als Maßnahme der Primärprävention (Vorbeugung vor der Entwicklung einer Allergie) kann die Reduktion der Exposition gegenüber Hausstaubmilben nicht empfohlen werden (B). Dies betrifft nicht Maßnahmen zur Sekundär- und Tertiärprävention (Vorbeugung bei bereits entstandener Milbenallergie).

Schimmel und Feuchtigkeit
Ein Innenraumklima, dass Schimmelpilzwachstum begünstigt (hohe Luftfeuchtigkeit, mangelnde Ventilation) sollte zur Allergieprävention vermieden werden (B).

Tabakrauch
Aktive und passive Exposition gegenüber Tabakrauch erhöht das Allergierisiko (insbesondere das Asthmarisiko) und ist zu vermeiden. Dies gilt besonders während der Schwangerschaft (A).

Innenraumluftschadstoffe
Es gibt Hinweise darauf, dass Innenraumluftschadstoffe das Risiko für allergische Erkrankungen und insbesondere für Asthma bronchiale erhöhen können (flüchtige organische Verbindungen, zum Beispiel Formaldehyd, können aus neuen Möbeln und bei Maler- und Renovierungsarbeiten freigesetzt werden). Es wird empfohlen, die Exposition gegenüber Innenraumluftschadstoffen gering zu halten (B).

Impfungen
Es gibt keine Belege dafür, dass Impfungen das Allergierisiko erhöhen, aber Hinweise darauf, dass Impfungen das Allergierisiko senken können . Es wird empfohlen, dass alle Kinder, auch Risikokinder, nach den StIKo-Empfehlungen geimpft werden (A).

Körpergewicht
Es gibt Belege für einen Zusammenhang von Übergewicht bzw. erhöhtem Body-Mass-Index (BMI) und Asthma ("positiv assoziiert"). Die Verhinderung von Übergewicht, insbesondere bei Kindern, wird auch aus Gründen der Allergieprävention empfohlen (A).

Kfz-Emission
Die Exposition gegenüber Stickoxiden und kleinen Partikeln (PM 2,5; „particulate matter“) insbesondere durch Wohnen an einer viel befahrenen Straße ist mit einem erhöhten Risiko, besonders für Asthma verbunden. Es wird empfohlen, die Exposition gegenüber Kraftfahrzeug-bedingten Emissionen gering zu halten (B).

Zu den folgenden Themen wurden Stellungnahmen, jedoch keine Empfehlungen verabschiedet. Der Evidenzgrad ist in Klammern angegeben.

Probiotika
Die Datenlage zum Einfluss von Probiotika auf die Allergieentwicklung ist widersprüchlich. Es gibt derzeit nur aus skandinavischen Studien und nur bezüglich der Entwicklung von Neurodermitis Hinweise, dass die Gabe von Probiotika präventive Effekte hat. Daher kann keine Empfehlung ausgesprochen werden (1a—2b).

Antibiotika
Es fehlt der Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen Antibiotikagabe und der Entwicklung von Asthma, allergischer Rhinitis und atopischem Ekzem (2a—3b).

Unspezifische Immunmodulation
Es gibt Hinweise darauf, dass eine frühzeitige unspezifische Immunstimulation vor der Entwicklung atopischer Erkrankungen schützen kann. Zur unspezifischen Immunstimulation werden unter anderem Aufwachsen auf einem Bauernhof, Besuch einer Kindertagesstätte in den ersten zwei Lebensjahren und mehr ältere Geschwister gerechnet. Wurminfektionen und hier insbesondere Hakenwurminfektionen scheinen eine Asthma-Entwicklung unwahrscheinlicher zu machen ("negativ mit Asthma assoziiert") (2b—3b).

Gerade der letzte Punkt ("Bauernhof") findet in den Medien große Beachtung. Mitunter ist es jedoch erschreckend, wie kritiklos in der Presse gefährliche Botschaften ("Rohmilch ist gesund") zu dem komplexen Thema der Allergieverhütung verbreitet werden.

So erschien Ende Juni 2009 im Allgäuer Anzeigeblatt ein Bericht über eine Experten-Konferenz an der Klinik Santa Maria am Oberjoch mit der Überschrift: "Kann Rohmilch vor Allergie schützen?" . Auch wenn im Text nur von laufenden Studien - u. a. von Fr. Prof. Mutius, München - zu evtl. schützenden Effekten von Rohmilch oder engen Berührungen mit dem Kuhstall-Milieu die Rede ist, suggeriert das eingefügte Foto von zwei Mädchen, die im Stall Rohmilch (unbehandelte Milch direkt von der Kuh bzw. vom Hof) trinken, dass dies gesund sei. Die Bildunterschrift in der Druck-Ausgabe ("Bei der Familie ... gibt es gesunde Milch frisch aus dem eigenen Kuhstall: die Schwestern ... trinken die Rohmilch sehr gerne.") lässt keine Zweifel an der propagierten Botschaft zu.

Dass Rohmilchkonsum eine entscheidende Quelle von lebensbedrohlichen EHEC-Infektionen darstellen kann, wird nicht einmal erwähnt. Jedes Jahr werden in Deutschland 500 - 1000 EHEC-Infektionen nachgewiesen. Die Dunkelziffer dürfte ein Mehrfaches betragen. Bei ca. 10%, d. h. bei 50 - 100 Menschen jährlich, fast ausschließlich Kinder, tritt eine gefürchtete Komplikation auf, das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), das durch hämolytische Anämie (Auflösung der roten Blutkörperchen), Thrombozytopenie (Verarmung an Blutplättchen) und Nierenversagen, oft auch Hirnödem (Gehirnschwellung) charakterisiert ist. HUS ist der häufigste Grund für akutes Nierenversagen im Kindesalter. Hierbei kommt es häufig zur kurzzeitigen Dialysepflicht, jedoch in bis zu 30% der Fälle zum bleibenden Nierenfunktionsverlust mit Dialyseabhängigkeit bzw. Transplantationsbedarf. In der Akutphase sterben trotz aller intensivmedizinischen Maßnahmen ca. 2 % der Betroffenen. Eine Impfung gegen EHEC / HUS steht nicht zur Verfügung. Alleine Hygienemaßnahmen, u. a. Vermeidung von Rohmilchkonsum, zumindest bei Kindern, Senioren und Abwehrgeschwächten, schützen davor.

Robert-Koch Institut
Deutsches Ärzteblatt, Jg.106, Heft 39, 25.September 2009

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