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Brauchen Kinder Vitamin-Pillen?
vom 25.02.2009
Immer mehr Kinder bekommen Vitaminpräparate. Der Trend in den USA setzt sich auch in Deutschland fort. In der Fachzeitschrift Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine beklagen Ärzte von der University of California, dass viele Amerikaner Vitamine und MIneralstoffe einnehmen, obwohl diese bei ausgewogener Ernährung nicht nur teuer und unnütz, sondern sogar gesundheitsschädlich sind. "Multivitamin-Präparate für ältere Kinder können auch Nebenwirkungen hervorrufen - von Übelkeit über Erbrechen bis zu Unterleibsschmerzen, Leberschäden und Nervenschmerzen", so der Pädiater Ulfat Shaikh, der die Daten von fast 11.000 Kindern ausgewertet hat. "Absurderweise bekommen gerade die Kinder, die sich ohnehin gut ernähren und viel bewegen, am ehesten Supplemente".
Das Forschungsinstitut für Kinderernährung (Dortmund) bezieht dazu klar Stellung: "Wenn man sich ausgewogen ernährt, bekommt man alles, was man braucht", sagt Mathilde Kersting. "Ein gesundes und gut ernährtes Kind braucht keine Tabletten." Der Teufel steckt wie immer im Detail. Vier Problembereiche gibt es laut Kersting nämlich trotzdem: Jod, Fluor, Folsäure und Vitamin D . Aus eigener Erfahrung würde ich dieser Auflistung Eisen hinzufügen - insbesondere bei Kleinkindern und/oder Vegetariern ist relevanter Eisenmangel häufig zu finden. Folgen: Anämie, Müdigkeit, erhöhte Infektneigung, Störungen der Hirnentwicklung.
Wer mit Jod, Fluor und Folsäure angereichertes Salz im Haushalt verwendet und in normaler Menge konsumiert, ist hier schon ziemlich auf der sicheren Seite. Frauen mit Kinderwunsch sollten in der Regel aber eine höhere Folsäure-Dosis erhalten, Schwangere und Stillende eine höhere Jodid-Dosis. Damit man eine Vorstellung von den verwendeten Fluoridmengen erhält: 1 g Kochsalz enthält etwa 0,25 mg Fluorid, das entspricht der Menge, die Kinder bis zum 2. Geburtstag zusammen mit 500 IE (= 12,5 µg) Vitamin D in Form einer Tablette erhalten sollen. 0,25 mg Fluorid sind auch in 0,5 g Kinderzahnpasta oder etwa 0,2 g Erwachsenenzahnpasta enthalten.
Für eine optimale Vitamin D-Versorgung ist in den ersten beiden Lebensjahren unbedingt die Gabe der o. g. Tablette (z. B. Fluor-Vigantoletten® oder D-Fluoretten® sinnvoll. Ältere Kinder sollten dann Milch, Fisch (insbesondere Lachs) und Eigelb bekommen, um die Vitamin-D-Versorgung zu sichern. "Auch sollten sich die Kinder viel im Freien aufhalten, damit die Haut selbst Vitamin D herstellen kann", so Kersting. Manchmal - gerade in den lichtarmen Monaten November bis April - ist sogar eine dosierte Besonnung ohne Lichtschutzmittel sinnvoll. Sehr spannend wird das Thema Vitamin D-Versorgung, wenn man aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse beleuchtet. Es mehren sich die Hinweise dafür, dass Vitamin D in der Prävention einer Vielzahl chronischer Erkrankungen eine Rolle spielt: Osteoporose, Krebs, Multiple Sklerose, Diabetes mellitus Typ I, Autoimmunerkrankungen, Infektions-, Herz-Kreislauf- und Muskelkrankheiten . Und die Häufigkeit von Vitamin D-Mangel in nördlichen (lichtarmen) Ländern ist erschreckend. 2008 zeigte der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KIGGS) für Deutschland, wie hoch der Anteil unzureichender Vitamin D-Spiegel (unzureichend = < 20, ausreichend 20-30, optimal > 30 ng/ml) in der Bevölkerung ist und welche Risikogruppen betroffen sind: "Insgesamt wiesen 62% der Jungen, 64% der Mädchen sowie 57% der Männer und 58% der Frauen Vitamin-D-Spiegel unter diesem Grenzwert auf. Zudem unterlag der Vitamin-D-Status einer großen saisonalen Abhängigkeit (mit niedrigem Spiegel im Winter und hohem im Sommer). Im Winter reichten die Anteile eines unzureichenden Vitamin-D-Spiegels von ca. 50% bei 1- bis 2-Jährigen über 60% bei 18- bis 79-Jährigen bis zu über 80% bei 11- bis 17-Jährigen. Sogar im Sommer wies die Mehrzahl der Frauen im Alter von 65 bis 79 Jahren (75 %) und der Migranten im Alter von 3 bis 17 Jahren (65%) unzureichende Vitamin-D-Werte auf." Dieses Erkenntnisse des Robert-Koch-Instituts (verantwortlich für KIGGS) - immerhin ein Organ des Gesundheitsministeriums - scheinen bisher weder von der Politik, noch von der Bevölkerung als Problem wahr genommen zu werden.
Welche Konsequenzen können wir im Moment daraus ziehen? Fisch, v. a. Lachs, Eier, Milch(-produkte) im Speiseplan fest etablieren. Bei entsprechendem persönlichem Sicherheitsbedürfnis oder Risikofaktoren (diesbezüglich einseitige Ernährung, wenig outdoor-Aktivität) kann im Rahmen einer individuellen Gesundheitsleistung der Vitamin D-Spiegel bestimmt werden. Die Kassenmedizin bietet diese - etwa im Sinne einer Vorsorgeleistung - leider (noch) nicht.
Eine große Analyse des Cochrane-Zentrums Kopenhagen ergab, dass Vitaminpräparate mehr schaden als nützen und mitunter sogar das Leben verkürzen. Konkret wurden hier die Effekte von zusätzlichen Gaben von antioxidativem Beta-Karotin, Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E und Selen bewertet. Dennoch bin ich sehr gespannt, ob wir nicht in 5 oder 10 Jahren allen Menschen, denen es durch ihre Ernährung oder ihre Freizeitaktivitäten nicht gelingt, genügend Vitamin D aufzunehmen oder herzustellen, die tägliche Einnahme einer Vitamin D-Tablette empfehlen, wie sie die Babys und Kinder bis zum 2. Geburtstag ohnehin bekommen! Oder wir erleben eine Renaissance des guten alten Lebertrans - der enthält nämlich tatsächlich am meisten Vitamin D 3 (300 µg pro 100 g Lebertran, dagegen liefern 100 g Hühnerei nur 2,9 µg).
Robert-Koch-Institut: KIGGS 2008
BVKJ: Vitamin-D-Mangel und MS
Vitamin D-Gehalt in verschiedenen Nahrungsmitteln

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